Dr. Martin Luther in der Philatelie
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Arbeitersiedlung „Kiautschau“

Kiautschau Postkarte "Kiautschau"


Die Wormser Arbeitersiedlung „Kiautschau“ entstand zwischen 1898 und 1914 im Liebenauer Feld nahe der Pfrimm und gehört zu den bemerkenswerten Beispielen für frühe Wohnsiedlungen für Industriearbeiter. Zur Zeit ihrer Entstehung lag die Siedlung noch deutlich außerhalb des Stadtzentrums und hatte beinahe den Charakter eines eigenständigen Dorfes. Der ungewöhnliche Name „Kiautschau“ verweist auf das deutsche Pachtgebiet Kiautschou in China und verdeutlicht damit die Präsenz kolonialer Vorstellungen im Deutschen Kaiserreich um 1900. Aufgrund ihrer abgelegenen Lage war die Siedlung zunächst nur unzureichend erschlossen; zentrale Infrastrukturen wie Kanalisation und Stromversorgung wurden erst vergleichsweise spät ausgebaut.

1896 Kiautschau ECKHAUS GRUNDRISS - ARBEITERHÄUSER IM RHEIN-NECKAR-RAUM, WORMS 2012
1896 Kiautschau ECKHAUS GRUNDRISS - ARBEITERHÄUSER IM RHEIN-NECKAR-RAUM, WORMS 2012
1896 Kiautschau_ANSICHTSZEICHNUNG ECKHAUS ZUM BAUANTRAG VOM 17.06.1899
1896 Kiautschau_ANSICHTSZEICHNUNG ECKHAUS ZUM BAUANTRAG VOM 17.06.1899
1896 Plakat Kiautschau FERDINAND WERNER, ARBEITERSIEDLUNGEN UND ARBEITERHÄUSER IM
1896 Plakat Kiautschau FERDINAND WERNER, ARBEITERSIEDLUNGEN UND ARBEITERHÄUSER IM


Wormser Industriellen Cornelius Wilhelm von Heyl zu Herrnsheim, dem Eigentümer der Heylschen Lederwerke AG Cornelius Wilhelm © FS - Gemälde hängt im Museum Heylshof


Initiiert wurde das Projekt von dem Wormser Industriellen Cornelius Wilhelm von Heyl zu Herrnsheim, dem Eigentümer der Heylschen Lederwerke AG. Gemeinsam mit der Stadt Worms, Banken und weiteren Partnern gründete er eine Wohnungsgesellschaft, an der er einen maßgeblichen Kapitalanteil hielt. Offiziell verfolgte das Vorhaben das Ziel, bezahlbaren Wohnraum für Arbeiter zu schaffen, wobei nur eine begrenzte Rendite angestrebt wurde. Gleichzeitig diente die Siedlung jedoch auch dazu, die Arbeiter langfristig an den Betrieb zu binden. Sie war somit Teil eines umfassenderen Systems, das soziale Fürsorge mit wirtschaftlicher Abhängigkeit und Kontrolle verband.




Foto aus Privatsammlung FS


Der Entwurf der Siedlung stammt von Stadtbaumeister Karl Hofmann, der insbesondere für seinen sogenannten Nibelungenstil bekannt ist. Im Gegensatz zu vielen anderen Arbeitersiedlungen der Zeit zeichnet sich die „Kiautschau“ durch eine vergleichsweise malerische und aufgelockerte Gestaltung aus. Fachwerkhäuser, kleine Gärten und großzügige Grünflächen prägen das Erscheinungsbild und lassen Einflüsse der zeitgenössischen Gartenstadtidee erkennen. Insgesamt entstanden rund 300 Wohnungen, die etwa 2.000 Menschen Platz boten.

Trotz dieser ansprechenden äußeren Gestaltung waren die Wohnverhältnisse selbst eher beengt. Die Wohnungen hatten eine Größe von etwa 37 bis 47 Quadratmetern, die Küchen waren klein und die Ausstattung insgesamt einfach gehalten. Dieser Kontrast zwischen idyllischer Architektur und begrenztem Wohnkomfort ist charakteristisch für viele Arbeitersiedlungen dieser Zeit.
Zudem fehlten lange Zeit wichtige soziale und infrastrukturelle Einrichtungen. So wurde ein Anschluss an die Kanalisation erst in den 1930er-Jahren realisiert, während eine Stromversorgung sogar noch später folgte. Auch gemeinschaftliche Einrichtungen wie Waschhäuser oder Kindergärten waren zunächst nicht vorhanden. Viele Bewohner waren daher gezwungen, auf provisorische Lösungen zurückzugreifen oder zusätzliche Nutzflächen, etwa Kleingärten jenseits der Pfrimm, zu bewirtschaften.


Kiautschau BENEDIKTINER STRASSE, © FERDINAND WERNER ARBEITERSIEDLUNGEN UND ARBEITERHÄUSER IM RHEIN-NECKAR-RAUM, WORMS 2012



Seit dem Jahr 1991 steht die gesamte Siedlung unter Denkmalschutz. Dabei wird nicht nur der Erhalt einzelner Gebäude angestrebt, sondern vor allem das Gesamtbild der Anlage geschützt. Dazu zählen Dachformen, Fassadengestaltung, Farbigkeit sowie die Gestaltung der Vorgärten. Heute gilt die „Kiautschau“ als gut erhaltenes Beispiel dafür, wie eng Wohnverhältnisse, Arbeitswelt und soziale Ordnung um 1900 miteinander verknüpft waren.
Insgesamt zeigt die Siedlung eindrucksvoll die Ambivalenz vieler industrieller Wohnprojekte dieser Zeit: Einerseits steht sie für den Versuch, menschenwürdigen Wohnraum zu schaffen und gestalterisch ansprechend zu bauen, andererseits verdeutlicht sie die sozialen Abhängigkeiten und infrastrukturellen Defizite, mit denen Arbeiterfamilien im Zeitalter der Industrialisierung konfrontiert waren.


 
 
 
 
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